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Offene Jugendarbeit Waldfeucht

Hamburg - ein Bericht von Jugendlichen

21.05.2012

In der Zeit v. 17.05 – 20.05. haben wir, 17 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, eine Entdeckungsreise in die Stadt Hamburg unternommen. Schwerpunkt der Fahrt bildete die Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus.

 

Am ersten Tag lernten wir die wichtigsten Orte im Zentrum der Stadt auf einer Stadtrallye kennen. Am Abend gingen wir über die als berühmt, berüchtigte und als verrufen bekannte Reeperbahn. Für uns Jugendliche war der Gang über diese ‚Vergnügungsmeile‘ eine ganz besondere Erfahrung; nämlich zu erkennen, wie nahe das angebliche Vergnügungen neben dem sozialen Abstieg liegt.

 

Am Freitag besuchten wir das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme welches erst seit kurzer Zeit zur Gendenkstätte umgestaltet wurde. Das KZ Neuengamme war ein Arbeitslager, indem Menschen aus ganz Europa eingesperrt wurden, weil sie nicht mit den Zielen des Nationalsozialismus zu vereinbaren waren oder weil sie sich öffentlich dagegen geäußert hatten. Hierzu zählten neben den Juden und Romas auch Kommunisten und Sozialisten. Desweiteren war Alkoholabhängikeit oder Homosexualität ein Grund dafür, in ein solches Arbeitslager eingeliefert zu werden. Die übermäßige Arbeit bis zur Erschöpfung mit Todesfolge war eingeplant. Daneben wurde durch mangelhafte Ernährung und Schikanen bei der Zwangsarbeit ein frühzeitiger Tod bei den Inhaftierten bewusst herbeigeführt.

Bis vor wenigen Jahren diente dieses ehemalige KZ-Gelände noch als Gefängnis bzw. Jugendvollzugsanstalt für die Stadt Hamburg. Die für ein KZ typischen Barackengebäude sind heute nicht mehr vorhanden. Dadurch fällt es uns schwer, die geschilderte menschenverachtende Atmosphäre eines Lagers für zigtausende Menschen uns vorstellen zu können.

Sich beispielsweise in einer Baracke aufzuhalten die für 100 Menschen geplant, aber tatsächlich mit 300 belegt wurde, in der sich die wenigen Öffnungen zur Verrichtung der Notdurft nebeneinander, öffentlich und ohne Sichtschutz voreinander befanden; oder die Sonderbaracke in der 12 dazu gewaltsam gezwungene Frauen für die sexuellen Bedürfnisse der aufsichtführenden Lagerinsassen, den s. g. Kapos, missbraucht wurden. Das alles ist schwer vorstellbar. Durch den fehlenden Bezug zu den nicht mehr vorhandenen oder leeren Räumlichkeiten wird eine emotionale Anbindung an die mit einem KZ-Lager verbundenen Grausamkeiten nicht ganz bei uns erreicht.

 

Ein viel größeres emotionales Empfinden konnten wir am nächsten Tag erfahren.

Wir betraten die Kellerräume einer ehemaligen Schule am Bullenhuser-Damm. Hier wurden 20 Kinder ‚wie Bilder an der Wand‘ aufgehängt und dadurch getötet. Diese 20 Kinder waren vorher zu medizinischen Versuchen im KZ Neuengamme mit Krankheitskeimen infiziert und später operiert worden. Diese Kinder und ihre Pfleger mussten durch die nahende Ankunft der Alliierten Streitkräfte und der damit notwendig gewordenen Auflösung des Lagers ‚beseitigt‘ werden.

Die Konfrontation mit Bildern der 20 Kinder, in Zusammenhang mit den Bildern der Mörder in dem Tötungsraum, hat tiefen Eindruck bei uns Jugendlichen bewirkt.

Es kommen Fragen wie: „Was ist das für ein Mensch der es fertigbringt (das ist seine Aussage vor Gericht) 20 Kinder ‚wie Bilder an der Wand aufzuhängen‘? Wie ist seine Einstellung? Handelte er nur auf Befehl? Wie ist er geformt, geprägt worden? Wie ist er beeinflusst worden? Hat er keine eigene Meinung? Was ist seine Überzeugung? Was sind seine Werte? Wie viele haben genauso gedacht und gehandelt? Warum steht in Hamburg das Kriegerdenkmal im Zentrum auf dem Rathausplatz und das Opferdenkmal weit außerhalb?

Auf alle Fragen haben wir keine Antwort gefunden.

Aber mit Rückblick auf die Geschichte in der menschlichen Gesellschaft können wir uns heute die Frage stellen: „Ist es möglich das ähnliches wieder geschehen könnte?“

Erst im Gespräch von Älteren mit uns Jugendlichen, mit Blick auf die Geschichte und den Besuch von Orten als Gedenkstätten oder Mahnmalen von geschehenem Unrecht können wir Fragen formulieren und Antworten darauf suchen und finden.

Die Gesellschaft vermittelt uns Werte, in der sich jeder selbst und im Dialog mit anderen mit diesen auseinander setzen kann, um sie anzuerkennen, abzulehnen oder zu verändern. Verantwortlich für sein Handeln ist letztendlich aber jeder nur für sich alleine.

Genauso wie der Mann oder die Frau, die während des Regimes des Nationalsozialismus in der Lage waren grausam gegenüber anderen Menschen zu sein oder 20 Kinder ‚wie Bilder an die Wand‘ aufzuhängen‘.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Hamburg - ein Bericht von Jugendlichen